Analoge Wende

 

 

Aus der WELTWOCHE

 

Ausgabe Dezember 2016

 

Eine kleine Meldung sorge vor wenigen Wochen international für Aufsehen.
Erstmals gaben in Grossbritannien die Kunden mehr Geld für Langspielplatten aus als für Musikdownloads.
Die Verkäufe des totgeglaubten Medium haben sich innert eines Jahres verdoppelt, die Ausgaben für Downloads hingegen brachen ein. Die Wende zum analogen ist nicht nur in der Musik, sondern auch in der Fotografie und in der Kunst feststellbar. Manchmal steht hinter dem Phänomen schlicht Nostalgie, zB wenn Fotoapps auf dem Mobiltelefon vergilbte Analogbilder nachahmen. Viel öfter geht es aber um etwas, das rational schwer zu fassen ist:
um Entschleunigung, um taktiles Erleben.
Der grosse Publizist Frank Schirrmacher erkannte im analogen einen heute seltenen Raum, indem man sich der digitalen Überwachung noch entziehen kann. Die Film Streaming Firma Netflix weiss ganz genau, welchen Film wir schauen, wann wir auf den Pausenknopf drücken. Gleiches gilt zB bei Amazon, der via E-Book registriert, ob wir ein Buch zu Ende lesen oder welche politischen Zeitungsartikel wir anklicken.
Papier oder Vinyl hingegen sind Medien, die keine Datenspur hinterlassen - Medien der Rebellion, der Freiheit. Zunehmend stellt sich heraus: Digital steht für Effizienz, analog für Genuss. Die hohe Nachfrage nach Langspielplatten dürfte noch lange anhalten

von Rico Bandle ( Kurzversion )